Wimbledon und die WM
Liebe Leser,
für mich als lebenslangen, aktiven Sportler und absolut begeisterten Fan gibt es keine größeren Ereignisse als die Fußball-WM und Wimbledon, das wohl nach wie vor “größte” unter den Grand Slam Tennisturnieren. Wenn dann alle vier Jahre die beiden Megaereignisse in denselben Monaten stattfinden und sich sogar teilweise überlappen, dann ist das für diesen Korrespondenten wie Weihnachten. Weihnachten im Juni also, wo es in Washington so heiß und schwül ist, dass man nach dem kurzen Gang zum Postkasten durchgeschwitzt ins Haus zurückkehrt. So spannend und unterhaltsam wie in diesem Jahr war es aber noch nie, zumindest nicht aus der Sicht eines in Washington lebenden Auslandsdeutschen. Denn: Zum ersten Mal fiebern die Amerikaner bei der WM richtig mit.
Auch schlagen fassungslose Fans noch am Tag danach die Hände über dem Kopf zusammen. Das längste Tennismatch aller Zeiten hat selbst jene, die noch nie einen Schläger in der Hand hielten, in seinen Bann gezogen. Dass ein “All American Kid” wie John Isner aus dem Marathonmatch als Sieger hervorging, das löst bei Sportbegsieterten fast so viel Freude aus wie Landon Donovans entscheidender Treffer in der 92. Minute gegen Algerien, mit dem der frühere Bayer Leverkusen Stürmer “Team USA” ins Achtelfinale schoss. Könnte es sein, dass 2010 das Jahr der Amerikaner wird, und zwar gleich an mehreren sportlichen Fronten?
Eines muss festgehalten werden: Meine Sympathien gelten dieser Tage fast ausschließlich unserer Nationalmannschaft. Ich bin in Sachen Sport zugegebenermaßen ein wenig fatalistisch veranlagt, und nach dem fulminanten Auftaktsieg gegen Australien stimmte mich die Niederlage gegen Serbien wieder nachdenklich. Jede Menge gelbe Karten, fragliche Schiedsrichter Entscheidungen, dann noch ein verschossener Elfer. Das alles verhieß nichts Gutes, und vor dem Ghana Spiel war ich ein richtiges Nervenbündel und wollte garnicht so Recht ans Weiterkommen glauben. Doch da wir keinen Tennisstar vom Kaliber eines Boris Becker oder Michael Stich mehr haben, der sich ernstzunehmende Chancen auf einen Wimbledon Sieg ausrechnen darf, verfolge ich Wimbledon völlig entspannt. Dafür ist bei den Partien der deutschen Elf die Nervosität umso größer.
Zu diesem Spektrum an Emotionen gesellen sich aber dieses Jahr noch eine kolossale Begeisterung und Freude, die von amerikanischen Freunden, Nachbarn und Kollegen ausgehen. Landon Donovan ist der neue Sportheld der Nation. Ex-Präsident Bill Clinton, der die WM 2018 ioder 2022 in die USA holen will, verfolgt von der Ehrentribüne aus, nervös und Fingernägel kauend, die US-Spiele. Selbst der Basketball Fanatiker Barack Obama legt sich ins Zeug. Er gratulierte den US-Kickern nach dem spektakulären Weiterkommen in einem Telefonat. Als er gerade mit David Petraeus, dem neuen Oberkommenadeur für Afghanistan im Oval office saß, habe er aus dem Nebenzimmer einen lauten Aufschrei gehört, als nämlich Donovan verwandelte, und wollte gleich zum Hörer greifen.
Auch werde ich seit dem US-Sieg gegen Algerien werde ich überall auf die WM angesprochen. Als Deutscher und Vater eines wirklich extrem begabten Jugendkickers würde ich mich doch auskennen, meinen sie. “Is Team USA for real?” werde ich gefragt, kann man die US-Equipe wirklich ernst nehmen? Wie weit können sie kommen? Haben Sie tatsächlich Chance auf den WM-Titel? Als Gast bleibt man höflich und zieht sich mit dem nichtssagenden Hinweis “alles ist möglich” aus der Affäre. Doch ganz offen gestanden ist das garnicht so falsch. Italien und Frankreich, die beiden Finalisten aus 2006, sind bereits rausgeflogen. Außenseiter wie Südkorea und die Slowakei kommen weiter, und die Amerikaner sehen garnicht Mal so schlecht aus. Sie spielen athletisch, schnell und verbissen und haben mehrmals gezeigt, dass sie für späte, entscheidende Tore gut sind. Nun gegen Ghana, danach vielleicht ein bewältigbarer Viertelfinagegner?
Am Samstag Abend kann die ganze Spekulation schon überholt sein. Doch mit oder ohne Weiterkommen hat die Nation zum ersten Mal ihre Liebe zum Fußball entdeckt und eine Leidenschaft entwickelt, die ich in meinen über zwanzig Jahren in den USA noch nie erlebt habe. Genau wie ich verfolgen meine Tenniskumpels also nicht mehr ausschließlich Wimbledon, sondern ziehen sich auch mit großer Begeisterung so viele WM-Spiele wie möglich rein. Das ist in der Tat neu, und es ist schön, denn als Europäer hat man endlich das Gefühl, dass man hierzulande unsere Leidenschaft für den Fußball nachvollziehen kann. Dabei sind die Amerikaner in diesem “Doppeljahr” von Wimbledon uind Fußball-WM sogar besser dran als wir: Auch wenn Team USA ausscheiden sollte, haben sie immer noch Andy Roddick, der Wimbledon gewinnen könnte. Das können wir deutschen Sportfans leider nicht behaupten.
Mit besten Grüßen aus den USA
Ihr Peter De Thier

