02.07.2010

Unwichtiges Amerika?

Um 19:45 Uhr von PeterDeThier in Post aus Washington

Unordnung im Büro?Liebe Leser,
zu den bedeutendsten Herausforderungen für einen USA-Korrespondenten zählt es, nicht nur wichtige Themen zu erkennen, sondern auch solche, die speziell für seine Leserschaft interessant sind. Bei Präsidentschaftswahlen, Kanzlerbesuchen in den USA, Gipfeltreffen oder Umweltkatastrophen wie derzeit im Golf von Mexiko, denkt man garnicht lange nach. Das sind zwingende Themen, über die man in allen deutschen Medien liest. Auch kulturelle Ereignisse, so beispielsweise der tragische Tod der Popikone Michael Jackson, fallen in diese Kategorie. Worüber berichtet man aber, wenn es in den USA Mal vergleichsweie ruhig ist und die Musik in Europa spielt, umso mehr, wenn sich die Öffentlichkeit ihr Augenmerk fast ausschließlich auf Deutschland richtet?

Seit Wochen beschäftigt uns die Frage, wer Nachfolger von Horst Köhler im Bundespräsidialamt wird. Nun wissen wir es, und jetzt tobt die brisante Debatte, welche Folgen die Bundespräsidentenwahl für die Zukunft der Koalition und Kanzlerin Merkel hat. Zudem machte während der letzten Monate der freie Fall des Euro Schlagzeilen. Bedeutet die griechische Schuldenkrise das Anfang vom Ende der Eurozone? Dann machte das Sparpaket der Koalition Schlagzeilen. Wie die jüngste Stabilisierung der Gemeinschaftswährung beweist, haben die Märkte erkannt, dass der Euro nicht mit einer maroden amerikanischen Großbank wie Lehman Brothers zu vergleichen ist, deren Aktienkurs ins Bodenlose fällt. Auch fehlte es nie an jeder Menge regionaler Themen, die natürlich Leser unmittelbarer treffen und immer von Interesse sind, und seit Mitte Juni stellt die Fußball WM ohnehin alles andere so ziemlich in der Schatten..

Was aber tut sich dieser Tage in den USA? Im Kampf gegen die Ölpest fahren die US-Regierung, die Küstenwacht und BP schweres Geschütz auf. Doch ehe es einen wirklich überzeugenden Durchbruch gibt und das Bohrloch permanent gestopft ist, wird man vorwiegend darüber lesen, wie sich der Ölteppich jeden Tag weiter ausbreitet und neue Strände verseucht. Zwar hat das Repräsentantenhaus jetzt nach einem 18-monatigen Verhandlungsmarathon endlich eine Finanzmarktreform eingetütet, die aber wirklich nur in den Augen von Präsident Obama das Etikett “historisch” verdient. Der Kongress zieht sich in die Sommerferien zurück, und bald wird Obama mit Ehefrau Michelle und den beiden Töchtern auch Urlaub machen. Bis dahin wird sich nicht allzu viel tun. Übrigens werden heute schon Wetten abgeschlossen, ob der Präsident wieder ein PR-Desaster riskiert und inmitten einer Wirtschaftskrise und steigender Arbeitslosigkeit auf die pikfeine Insel Marthas Vineyard vor der Küste von Massachusetts reist.

Was interessiert einen deutschen Leser in solchen nachrichtenarmen Zeiten dann eigentlich Amerika? Genau darin, diese Frage zu beantworten, besteht der besondere Reiz der Korrspondentenlebens. Denn man muss nicht über jene wichtigen Themen, die buchstäblich auf der Stra0e liegen, schreiben und sie kommentieren. Man muss sie finden und ein Gespür dafür haben, ob sie die eigenen Leser auch interessieren. Unterhaltsam fand ich seinerzeit, und Sie hoffentlich auch, das Unvermögen der mächtigsten Stadt Amerikas, mit Schneestürmen fertig zu werden. Auch dachte ich, dass die Geschichte von Debrahlee Lorenzana, die angeblich ihren Job bei einer Großbank verlor, weil sie “zu hübsch” ist, ein weiteres Beispiel liefert für Dinge, die wirklich nur in Amerika passieren können. In den kommenden Wochen werde ich sowohl für die Printausgabe unserer Zeitung als auch die “Post aus Washington” zum Beispiel darüber schreiben, wie öffentliche Gymnasien in Texas ihren Schülern einen konservativen Lehrplanen aufzwingen wollen, der Republikaner wie Ronald Reagan und die beiden George Bushs zu Helden erhebt, die Demokraten Barack Obama und Bill Clinton zu Versagern stempelt und Loblieder auf die Ölindistrie sowie die Marke Kapitalismus “Made in the USA” singt. Unterhaltsam finde ich auch, wie es kluge US-Verbraucher schaffen, “umsonst einzukaufen”. Mittlerweile ringen nämlich Supermarktketten dermaßen verbittert um Kunden, dass sie mit kombinierten Rabattscheinen viele ihrer Lebensmittel praktisch verschenken. So etwas gibt es in Deutschland meines Wissens auch nicht, auch darüber weden Sie lesen.

Sitten, Gepflogenheiten und Ereignisse, die einzigartig und typisch amerikanisch sind, das sind jene Themen, die zeitlos sind, die sich gerade dann anbieten, wenn die “große Politik”, Wirtschaftskrisen oder Umweltkatastrophen nicht das meiste andere aus den Schlagzeilen verdrängen. Womit ich die rhetorische Eingangsfrage auch schon beantwortet habe: Unwichtig oder uninteressant ist Amerika nie, genau das macht die Arbeit so reizvoll.

Mit besten Grüßen aus Washington
Peter De Thier


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