“Hitzenotstand” in der US-Hauptstadt
Liebe Leser,
in Amerika tobte ja schon vor über zwanzig Jahren die Debatte darüber, ob man bei amtlichen Messungen auf das wesentlich einfachere metrische System umstellen sollte. Entfernungen auf Schildern entlang der Autobahn und auf Straßenkarten würden also in Kilometer statt Meilen angegeben werden, Körpergröße in Meter und Zentimeter statte Fuß und Inches, und Temperaturen in Grad Celsius anstelle von Fahrenheit gemessen. Als sich aber herausstellte, dass die Umstellung zig Milliarden Dollar kosten würde (in den achtziger Jahren waren solche Summen noch etwas wert, heute gibt der Staat Mal eben locker das Zwanzigfache aus, um marode Banken zu retten), entschied sich die Regierung dagegen. Also weiß ich heute, das unsere beiden ältesten Söhne Peter und Oliver “sechs Fuß” und “sechs Fuß eins” lang sind (also ca. 181 und 184 cm). Meine eigene Körperlänge will ich garnicht mehr wissen, da meine Frau behauptet, dass Männer über 40 alle fünf Jahre einen Zentimeter schrumpfen.
Wenn man in Washington lebt, dann weiß man aber auch etwas anderes, das die Bürger der US-Hauptstadt für kolossal wichtig halten: Man weiß genau, wann das Quecksilber auf 100 Grad Fahrenheit steigt. Das sind umgerechnet 37,8 Grad Celsius, eine Zahl, die auf sommerliche Hitze hindeutet, ansonsten aber bedeutungslos erscheint. In Washington, wo das Wetter eine unbeschreibliche Faszination auf die Menschen ausübt, ob im Winter selbst der harmloseste Schneefall oder im Sommer der Anbruch der Hundstage, hat aber die 100er Marke symbolische Bedeutung: Das tägliche Leben kommt fast zum Stillstand. Jeden Tag diese Woche haben die Temperaturen in und um Washington 100 erreicht oder überstiegen. Die Reaktionen der Menschen zu beobachten ist immer wieder hochinteressant.
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Viele Firmen überlassen ihren Mitarbeitern die Entscheidung, ob sie sich ein paar bezahlte Tag frei nehmen und im vollklimatisierten Eigenheim kühl bleiben. In einigen, vorwiegend ärmeren Stadtteilen, kommt es zu Kurzschlüssen und Stromausfällen, weil die Klimanlagen überlastet sind. Fast den ganzen Tag hört man die heulenden Sirenen von Krankenwagen. Sie bringen Menschen, die bei der glühenden Hitze in Ohnmacht gefallen sind, ins Krankenhaus.
Geschürt werden die Nervosität und Panikmache natürlich von den Massenmedien. So wie im Winter der “Schneenotstand” ausgerufen wird, wenn die ersten Zentimeter der Weißen Pracht auf der Straße liegen, herrscht nun “Hitzenotstand”. Die abendlichen Nachrichten lokaler Fernsehstationen eröffnen mit der Schlagzeile “Extreme Hitze”, wobei die einzelnen Buchstaben in gelb-orangener Farbe präsentiert werden und aussehen wie riesige Kolumnen, die in hellen Flammen stehen. Dann wird ein live Interview mit einem weinenden Mädchen aus Washington ausgestrahlt, das gerade ihre Oma verloren hatte, weil die Klimaanlage nach einem Stromausfall in ihrer winzigen Einzimmerwohung seit vier Tagen streikte und die 81-Jährige nachts einem Herzinfarkt erlag. Danach geht es nach Potomac, Maryland, wo zum zweiten Mal innerhalb von fünf Jahren ein massiver Wasserrohrbruch zu sinflutartigen Überschwemmungen auf Hauptverkehrsadern geführt hat. Als Grund wird die hitzebdingte Ausdehnung der verrostenen alten Kupferleitungen genannt, ein weiteres Symbol der maroden Washingtoner Infrastruktur. Erst deutlich später erfahren wir von dem spektakulären Deal zum Tausch 14 amerikanischer und russischer Spione. Selbst der Sport muss kürzer treten. Nach viel Lob für die deutsche Nationalmannschaft, von der die statistikverliebten Amerikaner immer wieder betonen, dass sie als einzige 15 Mal in Folge mindestens das Viertelfinale erreicht hat (dahinter deutlich abgeschlagen Brasilien mit sechs aufeinanderfolgenden Auftritten unter den letzten acht), wird über die WM an diesem Abend kein Wort verloren.
Gewiss ist es untergäglich heiß, wobei die Temperaturen weniger entscheidend sind als die drückende, subtropische Schwüle. Auch tut mir jeder aufrichtig leid, dessen Klimanlage versagt, der mit Stromausfällen zu kämpfen hat oder unter gesundheitlichen Problemen leidet. Die Probleme sind im Sommer bei extremer Hitze ebenso wie im Winter bei Schneefall tatsächlich da. Ein großer Teil des kollektiven Leidens ist aber auch psychologish bedingt, und dies geht aufs Konto der lokalen Medien, die jedes Jahr im Sommer versuchen, ein natürliches Wetterphänomen zu einer schlagzeilenträchtigen Sensation aufzubauschen.
Wir haben jedenfalls im Laufe der Jahre gelernt, mit dem “Sommernotstand” fertig zu werden. Wenn nachmittags die Sonne auf die Vorderfront des Hauses brennt, werden Rolos runtergezogen, um Strom zu sparen. Wir trinken Unmengen Wasser. Und während unser ältester Peter Junior, ein begabter und ebenso asketischer Leichttathlet, immer noch darauf besteht, um 17 Uhr herum bei 36 Grad und 80 prozentiger Luftfeuchtigkeit seine acht Kilometer herunterzuspulen, tue ich mir derartige Quälerei nicht mehr an. Ich laufe nur später am Tage im Wald, wo es nicht ganz so untertäglich ist. Auch gibt es Tennis höchstens am späteren Abend. Kühl bleibt es vor allem im Büro, wo isch schließlich den größten Teil des Tages verbringe. Ich wünsche jedenfalls allen Bürgern und Besuchern in Washington, dass sie die Hitzewelle gut überstehen. Mit etwas Vernunft und Vorsicht müsste das eigentlich gehen.
Alle Gute aus Washington und auf einen dritten Platz im Spiel gegen Uruguay, dem wir alle schon gespannt entgegenfiebern!
Ihr Peter De Thier

